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Strukturstufen (structure stages)

Meilensteine des Bewusstseins

»Im gegenwärtigen Augenblick versucht unsere Gesellschaft, den schwierigsten, gleichzeitig aber auch aufregendsten Übergang zu bewältigen, dem sich die menschliche Spezies je gegenüber sah. Es ist nicht nur ein Übergang zu einer neuen Existenzebene, sondern auch der Beginn eines neuen Satzes in der Symphonie der Menschheitsgeschichte.«

– Clare W. Graves

Wellen im Strom deines Lebens

Wenn du auf dein bisheriges Lebens blickst hast du vermutlich eine gute Vorstellung davon, wie du wurdest wer du heute bist. Vermutlich erinnerst du dich noch an deine Kindheit, die Schulzeit und deine ersten Schritte in das Berufsleben und so weiter.

Du bist immer wieder neuen Situationen begegnest und hast diese gemeistert. Bist reifer geworden und hast dabei viel über dich, deine Mitmenschen und das Leben an sich gelernt. Du hast dich selbst entdeckt, gelernt eigene Lebenspläne und Ziele zu verfolgen und Verantwortung für dein Leben zu übernehmen.

Und jede neue Erfahrung, jeder ungewohnte Blickwinkel hat dir neue Einsichten und Fähigkeiten beschert und dazu beigetragen, dich zu jener Persönlichkeit zu formen die du heute bist.

Du bist erwachsen(er) geworden und du hast dabei – ohne es bewusst zu bemerken – verschiedene wichtige Stationen der Entwicklung durchlaufen.

Und so verfügst du heute über einen bleibenden kostbaren Schatz an Erfahrungen, Erlebnissen und Gefühlen, Fähigkeiten, Denk- und Verhaltensweisen, von dessen Existenz und Umfang du vor Jahren noch nichts geahnt hattest.

Strukturstufen – Meilensteine von Wachstum und Entwicklung

Strukturstufen (structure stages) – auch Ebenen (levels) oder Wellen (waves) genannt – kennzeichnen bedeutsame Meilensteine der Entwicklung und bezeichnen permanente Errungenschaften und Fähigkeiten des Seins, Erkennens und Fühlens.

Entwicklung schafft stabile, permanente Strukturen die bestimmen, wie du bewertest was in deinem Bewusstsein erscheint, wie du also die Welt interpretierst. Darin unterscheiden sich Strukturen von Zuständen, die das Was der Wirklichkeit bestimmen und von Natur aus flüchtig sind.

Die Strukturen des menschlichen Bewusstseins sind – historisch betrachtet – im Laufe der Menschheitsgeschichte nacheinander entstanden und bilden eine Entwicklungssequenz aus Strukturstufen, die auch alle von da an geborenen Menschen individuell in der Reihenfolge ihrer Entstehung durchlaufen.

Dabei beginnt jeder Mensch seine individuelle Entwicklung auf dem gleichen Startfeld – der ersten, archaischen Strukturstufe. Zudem kann Entwicklung nicht abgekürzt werden, also einzelne Strukturstufen können nicht ausgelassen bzw. übersprungen werden.

Jede neu entstandene Strukturstufe baut auf den vorangegangenen auf und umschließt diese, so dass eine Holarchie von Strukturstufen entsteht. Vergleichbar einer Zwiebel, deren äußere Schicht die inneren Zwiebelschichten einschließt.

Wurde eine bestimmte Strukturstufe erst einmal stabil erreicht so steht das volle Potenzial dieser Ebene praktisch jederzeit zur Verfügung. Lernt ein Kind beispielsweise seine ersten Worte zu artikulieren, so hat es die Fähigkeit des Sprechens erworben.

Verborgene Landkarten der Entwicklung

Diese Strukturstufen liegen nicht offen zutage. Wir können sie mit ungeschultem Auge nicht direkt sehen. Sie wurden daher erst vor ca. 100 Jahren von der noch jungen Entwicklungspsychologie entdeckt.

Die Strukturstufen gleichen den Regeln der Grammatik. Wir alle wenden diese unbewusst sicher an, wenn wir in unserer Muttersprache sprechen oder etwas schreiben. Den meisten von uns fällt es jedoch schwer, uns diese Regeln bewusst zu machen und diese explizit zu beschreiben.

Entwicklungshöhe

Die verschiedenen Stufen beschreiben die Höhe (altitude) unseres Bewusstseins­feldes. Mit jeder erreichten Strukturstufe wächst unsere Perspektivität – wir können mehr „sehen“ bzw. von der Welt wahrnehmen als zuvor.

Mit Entwicklungshöhe beschreiben wir demnach im allgemeinen den Grad der sich entfaltenden Entwicklung, von Aspekten wie Komplexität, Bewusstheit und der Anzahl von Perspektiven, die jemand einnehmen kann.

Leiter, Kletterer, Sicht und Höhe

Um ein einfaches Bild zu nutzen gleicht unsere Entwicklung durch die Strukturstufen dem Emporklettern einer Leiter.

Die Leiter (ladder) besteht aus mehreren, aufeinander folgenden Sprossen.

Jede Sprosse (rung) repräsentiert eine bestimmte Strukturstufe mit all ihren strukturellen Merkmalen.

Du bzw. dein Selbst-System entspricht einem Kletterer (climber), der diese Leiter emporsteigt – sich entwickelt.

Dabei hast du stets eine bestimmte Sicht (view) auf die Welt. Als Subjekt ist die Sprosse/Stufe auf der du aktuell stehst nicht zu sehen. Aber alle Sprossen/Stufen darunter kannst du als Objekte sehen.

Besteigst du die erste, unterste Stufe der Leiter, siehst du die Welt aus der Sicht dieser ersten Stufe. Etwas anderes wirst du nicht wahrnehmen.

Steigst du nun eine Stufe höher, siehst du die Welt aus einer höheren, weiteren Perspektive – der Sicht der zweiten Stufe. Deine Sicht auf die Welt verändert sich. Dein Horizont hat sich erweitert, du siehst mehr und auch Neues, da deine Sicht nun höher ist.

Transzendieren und Integrieren

Die limitierte Sicht der vorherigen Stufe geht hierbei verloren. Als Subjekt kannst du die Welt auf der neuen Stufe nicht mehr in der gleichen Weise wahrnehmen, wie sie dir auf der vorherigen Stufe erschien. Dennoch bleiben dir alle strukturellen Merkmale als Objekte der vorherigen Sprosse erhalten.

Vielleicht erinnerst du dich an solche Situationen auf deinem Weg des Erwachsenwerdens. Irgendwann stellst du fest, dass vieles was dir von deinen Eltern, Lehrern und anderen Vorbildern gesagt wurde, sich tatsächlich ganz anders verhält als du geglaubt hast – du bist technisch gesprochen enttäuscht und beginnst dich und dein bisheriges Weltverständnis zu hinterfragen. Und dennoch bleibt deine strukturelle Fähigkeit an etwas zu glauben bestehen.

Wir sagen auch die limitierte Sicht der vorherigen Stufe wird transzendiert und negiert, während ihre Strukturen inkludiert werden und erhalten bleiben.

Es findet dabei eine Subjekt-Objekt-Verschiebung statt: Das Subjekt der vorherigen Stufe – dessen Sicht – wird zum Objekt des Subjektes der neuen Stufe. Anders gesagt: du kannst dein früheres Selbst objektiv betrachten und reflektieren, während du dein aktuelles Selbst nicht wirklich gut wahrnehmen kannst (wie das Ohr sich nicht selbst hören oder das Auge sich nicht selbst sehen kann).

Süchte und Allergien

Bei jedem Entwicklungsübergang von einer Stufe zur nächsthöheren kann strukturell etwas schiefgehen.

Gelingt das Transzendieren der bestehenden Stufe nicht vollständig, werden die bestehenden Strukturen nicht klar und umfassend differenziert und überwunden. Dadurch bleiben Teile der neuen Stufe auf die vorhergehende Stufe fixiert. Es entsteht ein entsprechendes Suchtpotenzial.

Gelingt indes das Integrieren der vorherigen in die neue Stufe nicht, nimmt die neue Stufe die Strukturen der vorherigen nicht vollständig in sich auf und integriert diese. Stattdessen dissoziiert, verneint, verleugnet die neue Stufe diese zurückgewiesenen Strukturen der vorherigen Stufe. Auf diese Weise entsteht eine Allergie oder Aversion gegen diese Anteile.

„Sucht und Allergie sind demnach die beiden Gefahren, die bei jedem Evolutions- oder Entwicklungsschritt gegeben sind, weil es immer darum geht, das Alte zu transzendieren und einzubeziehen.“

– Ken Wilber

Strukturstufen ≠ Entwicklungslinien

Mit ca. 100 Jahren ist die Entwicklungspsychologie eine relativ junge Disziplin. Innerhalb kurzer Zeit entstanden diverse Entwicklungsmodelle, die einzelne Aspekte der Individualentwicklung untersuchten und entsprechende Entwicklungslinien beschreiben.

Ausgewählte Entwicklungslinien werden auch gerne dafür genutzt, Strukturstufen zu bezeichnen. Oft wird z.B. das Entwicklungsmodell Spiral Dynamics und dessen Farbgebung verwendet, um Strukturstufen der menschlichen Entwicklung zu charakterisieren.

Dabei beschreibt eine Entwicklungslinie jedoch stets nur eine bestimmte Intelligenz. Spiral Dynamics und das zugrunde liegende Graves Value Modell beschreiben z.B. ausschließlich die Entwicklung unserer Wertvorstellungen. Also nur eine Facette der menschlichen Entwicklung.

Hingegen beschreiben Strukturstufen eher den Raum, in dem Entwicklung insgesamt geschieht. Alle Entwicklungslinien mit ihren eigenen Stufensequenzen folgen der Sequenz der Strukturstufen, entwickeln sich in und durch die Strukturstufen hindurch.

Dies macht verschiedene Entwicklungslinien auf gleicher Strukturstufen-Höhe untereinander vergleichbar, da die konkrete Ausprägung verschiedener Linien der gleichen Höhe auf denselben Strukturen der entsprechenden Strukturstufe basiert.

Strukturstufen im Einzelnen

Nun schauen wir uns die einzelnen Strukturstufen im Detail an.

Zur Bezeichnung der verschiedenen Strukturstufen nutzt Ken Wilber die Farben des Regenbogens, die ein Kontinuum an Entwicklung charakterisieren.

Zudem nutzt er zur Benennung der Höhe der Stufen einer Variation der Weltsichten von Jean Gebser, da die verwendeten Begriffe die Unterschiede am besten verdeutlichen: archaisch – magisch – mythisch – rational – pluralistisch – integral.

Archaisch (infrarot)

Wir alle beginnen unser Menschsein auf dem gleichen Startfeld, nämlich der archaischen Stufe der Farbe Infrarot.

Als Säuglinge und Kleinkinder (bis ca. 1,5 Lebensjahre) verfügen wir noch über kein Ich-Bewusstsein (prä-personal) und können somit auch keine eigene Perspektive einnehmen (vor-perspektivisch, 0.5).

Wir nehmen die Welt ungetrennt von uns als sensomotorisch-symbiontische Ein­heit wahr. Wir erfahren keine Begrenzung zwischen unserem Körper und unserer Umwelt.

Unser Verhalten ist automatisch-instinktiv und mit Hilfe unserer angeborenen Sinnes-Ausstattung darauf ausgerichtet zu überleben. Dabei sind wir vollständig auf unsere Umwelt – insbesondere unsere Eltern – angewiesen, um mit ausreichend Nah­rung, Wärme, Wasser und Geborgenheit versorgt zu werden.

Magisch (magenta)

Auf der magischen Strukturstufe (magenta) bei Kleinkindern zwischen ca. 1,5 und ca. fünf Lebensjahren beginnt sich ein Ich-Bewusstsein zu formen.

Wir nehmen alles um uns herum konkret aus der eigenen ersten Perspektive wahr (1.0) und reagieren sehr impulsiv auf die Welt.

Unmittelbare Bedürfnisbe­frie­di­gung (jetzt, sofort) und die Sicherheit der emotionalen Bindung zu den Eltern bestimmen unser prä-opera­tio­nal symbolisches Denken und impulsives Handeln.

Unsere Weltsicht ist phantastisch-emotional und von magischem Denken geprägt. Wir schreiben allen Er­eig­nissen, uns oder un­se­ren Bezugspersonen magische Eigenschaften zu: Wir sprechen mit unserem Teddy oder unserer Puppe – und diese reagieren auf uns. Wir wünschen uns etwas – oder befürchten etwas – und auf magische Weise geschieht dies.

Magisch-mythisch (rot) – „Ich“

Zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr erwacht das individuelle Bewusstsein. Unser „Ich“ wird geboren und wir betreten die magisch-mythische Stufe (rot) unserer Entwicklung. Wir können „ich“, „mir“, „mein“ sagen und wissen, dass wir uns damit bezeichnen.

Aus der nun voll ausgeprägten, ego-zentrierten Perspektive der ersten Person (1.5) dreht sich die ganze Welt nur um mich und ist mir zu Diensten. Wehe wenn nicht – dann mache ich eine Szene (Trotzphase).

Ich lerne mich der Welt gegenüber durch­zusetzen und für meine Bedürfnisse ein­zu­treten. Magisch-macht­­voll bestimme ich das was geschieht durch mein Denken und Handeln. Ich schaffe mir Selbst-Sicherheit durch Macht über mich und über an­dere.

Mythisch (bernstein)

Auf der mythischen Stufe (bernstein) ent­decke ich das „du/wir“.

Die Perspektive der zweiten Person entsteht (2.0) – ich sehe dass du mich siehst.

Ich möchte einer Gruppe ange­hören, um von der Sicherheit der Gruppe zu profitieren. Dafür stelle ich mich den Initi­ations­riten der Gruppe und unterwerfe mich ihren Rollen, Regeln und Überzeugungen.

Da ich in einer neuen Gruppe anfangs noch nicht weiß, „wie der Hase läuft“ orientiere ich mich an den Überzeugungen und Verhaltensweisen der Mit­glie­der der Grup­pe, insbesondere den führenden Mitgliedern um die Gunst, „Liebe“ und Zugehörigkeit zur Gruppe zu erhalten.

Zu diesen Überzeugungen gehört unter anderem auch die Unterscheidung zwischen „wir“ und „den anderen“, die für die Gruppenbildung konstitutionell ist. Sie trägt zu einer sozio-zentrischen Haltung bei und geht oft mit Ablehnung/Feindseligkeit gegenüber anderen oder fremden Menschen einher, die nicht Mitglied dieser Gruppe sind.

Mein Denken ist einfach (konkret-operational), regelorientiert und opportunistisch. Ich lerne Treue, Loyalität und den Glauben an den richtigen Weg – nämlich jenen der Gruppe – und ich nehme die Regeln und Über­zeu­gungen sprich­wört­lich sehr ernst. Ich nehme die mir zugewiesene Rolle an und füge mich in die soziale Ordnung ein­. Schuld und Scham entstehen.

Mythisch-konformistisch (bernstein) – „wir“

Auf der mythisch-konformistischen Stufe (bernstein) haben wir den uns zugedachten Platz in der Gemeinschaft gefunden und uns zu einem „guten“, geschätzten und respektierten Mitglied ent­wickelt.

Auf dieser Stufe haben wir die Mythen, Rollen und Re­geln der Gemeinschaft vollständig verinnerlicht und zu einer inneren Leitschnur unseres Lebens ge­macht.

Dem liegt eine erweiterte Perspektive der zweiten Person zugrunde (2.5) – ich kann mir vorstellen, dass ich neben dir stehe und sehe, was du siehst. Ich kann mich in die Schuhe anderer hineinstellen und mich in sie hineinversetzen, mir vorstellen wie sie sich fühlen und was diese denken.

Unser Fokus liegt ganz auf der Zugehörigkeit zur eigenen Familie, Gruppe, Nation und/oder Religion. Alle, die nicht der eigenen Gemeinschaft angehören, werden als potenzielle Bedrohung oder zumindest Störung der eigenen sozialen Ordnung betrachtet.

Die vorgegebenen Regeln („Bibel“) befolgen wir strikt und nehmen die uns zugewiesenen Rollen als Bürger, Ehefrau oder Kind ein. Wir stellen Gruppennormen nicht in Frage und wissen was richtig und was falsch, was gut und was böse für uns und andere ist.

Das, was andere über uns denken und sagen ist uns sehr wichtig und dominiert unser eigenes Denken und Han­deln. Entsprechend viel Mühe machen wir uns den Erwartungen der Gruppe zu entsprechen und bloß nicht als unnormal aufzufallen. Wir vergleichen uns mit unseren Nachbarn, Kollegen und Freunden und versuchen mit ihnen sozio-ökonomisch oder kulturell Schritt zu halten, um die Gefahr der Ausgrenzung zu minimieren („Keeping up with the Joneses“).

Entsprechende Symbole, Ernennungen, Status, materielle Güter, Ansehen und Prestige verleihen uns die Gewissheit dazuzugehören. Umgekehrt fürchten wir den Ausschluss aus der Gruppe (Exkommunikation, Verbannung) als schlimmste mögliche Strafe.

Diplomatisches Vorgehen und das Ein­halten der Etikette sind uns wichtig – da diese die soziale Ordnung aufrecht erhalten und fördern. Wir er­mah­nen andere, diese einzuhalten und infor­mie­ren die Autoritäten der Gruppe über ent­sprechen­de Verfehlungen um die so­ziale Ordnung der Gemeinschaft zu schützen.

Mythisch-rational (orange-bernstein) – „wir“ plus Selbst

Ich gelange auf die mythisch-rationale Stufe (orange-bernstein) sobald ich entdecke, dass ich nicht mehr alles uneingeschränkt teilen kann was die Gruppe glaubt oder tut.

Ich stelle zuneh­mend die Mythen und Überzeugungen der Ge­meinschaft – oder überhaupt alles – kritisch in Frage. Meinen bisherigen Vorbildern glaube ich nicht mehr un­vor­eingenommen alles, sondern entwickle eigene Wege und Verfahren, mir selbst Gewissheit über das zu verschaffen, was wirklich ist.

Dies geht mit dem Entstehen der Perspektive der dritten Person (3.0, Meta-Perspektive) einher – ich kann mich in andere hineinversetzen und mir vorstellen, was andere erleben über das hinaus, was ich selbst erleben würde wenn ich an ihrer Stelle wäre. Ich kann mir gedanklich vorstellen, wie andere und ich miteinander interagieren, was die Beteiligten denken und fühlen und welche Konsequenzen dies für sie haben könnte.

In dem Bestreben, mir ein eigenes Bild von der Welt zu machen, meine eigene Meinung zu formen und eine eigene Position zu entwickeln orientiere ich mich verstärkt an Fachexperten, Studienergebnissen und Fakten. Dabei analysiere und ergründe ich interessante Aspekte der Welt selbst so lange bis ich überzeugt bin, die richtige Antwort gefunden zu haben.

Zeitgleich entdecke ich – in Abgrenzung zur Grup­pe – mein subtiles Selbst, meine eigene In­nenwelt. Und diese Ent­deckung ist über­wäl­ti­gend.

Während ich mich expertise-orientiert, ge­wis­senhaft und selbst-sicher verhalte domi­niert der „Kopf“ (Ver­stand) meine Welt. Überflutet und überfordert vom unablässigen Strom meiner eigenen Gedanken den ich nun wahrnehme, verliere ich mich in dieser neuen unbekannten Innen­welt.

Ich kann meine Gedanken, Ideen, Hof­fnun­gen, Befürchtungen, Was-wäre-wenn-Überlegungen etc. weder lenken, noch ordnen oder priorisieren. Alles erscheint gleich wichtig, dringend und wertvoll – ich bin „lost in inner space“.

Rational-modern (orange) – „wir alle (Menschen)“

Auf der rational-modernen Stufe (orange) angelangt, bin ich nun in der Lage, mei­ne subtile Innenwelt zu beherrschen.

Mit dem Entstehen der erweiterten Perspektive der dritten Person (3.5) kann ich mein subtiles Selbst sehen und beherrschen. Ich bin aber nicht in der Lage zu sehen, dass andere mich ebenfalls subtil sehen können (subtiles einseitiges Sehen).

Mein subtiles Selbst steht im Vordergrund. Ich bin mir meines subtilen Selbst bewusst und reflektiere mein eigenes Denken und Handeln. Und lerne meine Gefühle zu differenzieren, auch wenn ich vermeide, diese in Gegenwart anderer zu äußeren.

Ich vertraue auf die Vernunft und den wissen­schaft­lichen Fortschritt und gehe selbst-bewusst, ziel- und leistungs-orientiert meinen eigenen Weg. Das tut jede:r andere auch: jeder:r macht sein/ihr Ding“, so dass ich mit meinen Mitmenschen in verschiedenen Parallelwelten lebe. Eine Ausgewogenheit zwischen Arbeit, Zuhause und Freizeit zu finden ist oft schwierig.

Mein formal-operationales Denken erlaubt mir, abstrakte und komplexe Gedanken, Konzepte, Ideen etc. zu priorisieren, einzu­ord­nen, zu verstehen und eigenständig zu durch­­drin­­gen – und eigene Schlüsse daraus zu ziehen.

Dabei strebe ich nach Auto­nomie und Wohlstand. Lei­stung und Erfolg, Effizienz und Ziel­orien­tie­rung, Anerkennung und Selbstachtung sind mir wichtig. Mein Körper – als Vehikel meiner Vernunft – soll auch künftig gut funktionieren. Daher achte ich auf meine Fitness und bin sportlich aktiv.

Zugleich über­winde ich die nun für mich offen­sichtlich engen Überzeugungen mei­ner bishe­ri­gen Grup­pen-Zuge­hö­rig­keiten und entwickle eine welt­zen­trisch-rationale Weltsicht.

Wenn ich „wir“ denke, dann beschränkt sich mein Denken meist nicht auf eine kon­krete Gruppe sondern um­schließt oft alle Menschen. Ich stelle fest, dass wir alle auf subtile Weise gleich sind. Äußere Facetten des Menschseins sind für mich daher nicht so entscheidend wie das subtile Selbst.

Pluralistisch-postmodern (grün) – „alle Wesen“

Auf der pluralistischen Stufe entdecke ich das subtile „Wir“ und damit sind nun „alle fühlenden Wesen“ gemeint. Und dieses Wir unterscheidet sich wesentlich von dem konkreten Wir der Stufe 2.0.

Dies geht mit dem Entstehen der Perspektive der vierten Person (4.0) einher – ich kann mich nun in den Kontext anderer hineinversetzen und erkennen, wie andere sozial konstruiert sind durch ihre jeweiligen Kontexte und mit ihnen interagierenden sozio-kulturellen Systeme.

Durch dieses neue Kontext-Bewusstsein sehe ich nun, dass Menschen in ihrem Inneren unterschiedlich sind – und lerne dies zu akzeptieren.

Ich verstehe oder spüre vielmehr immer mehr sy­stemische Zusam­menhänge – alles ist mit allem verbunden – und begreife zunehmend die soziale Kon­struk­tion der Wirklichkeit (Kon­struk­ti­vis­mus) und meine ei­ge­ne Perspektive darin als Ergebnis mei­ner eigenen historischen und kul­tu­rellen Systeme und Kontexte. Ursprünglich sicher geglaubte Wahr­hei­ten relativieren sich dadurch.

Mein Denken, Handeln und Fühlen wird nun durch den „Bauch“ bzw. das „Herz“ beherrscht. Ra­tio­na­li­tät wird verpönt und intel­lektuelle Tätigkeiten werden oft abge­lehnt – „geh mal aus dem Kopf“ ist häufig zu hören.

Ent­sprechend fühle ich mich sensibel und anteil­neh­mend mit anderen Menschen (und Wesen) glei­cher­maßen verbunden. Ich lasse Gefühle zu und ge­be ihnen Raum und gehe bei jeder Ge­le­genheit in Resonanz mit den Gefühlen anderer.

Ich schließe mich nun Gemeinschaften an, deren Mitglieder ähn­lich füh­len wie ich, ähnliche Werte und Über­zeu­gungen teilen oder die selben In­ten­tionen ver­fol­gen, z.B. Umwelt- oder Tier­schutz, Vege­ta­ris­mus, Gleich­berechtigung oder Selbst­erfah­rung – ohne dass ihre Zuge­höri­gkeit durch äußere Anzeichen (z.B. jegliche Form von Uniform) oder Status-Symbole er­kenn­bar wäre (no-status-status).

Uns geht es darum, etwas Sinnvolles zu machen, die Welt (Gaia) zu einem bes­se­ren Ort zu machen, Leiden zu lindern oder zu beenden und beste­hen­de Ungerechtigkeiten zu beseitigen.

Ich ge­nieße die plura­listische Vielfalt, Offenheit, die gefühlvolle Fürsorge und Wert­schätzung und den sen­si­blen-gleich­be­rech­tig­ten Austausch in diesen Gemeinschaften.

Auf der Suche nach (m)einem Sinn tritt mitunter Spiri­tualität – frei von reli­giö­sen Dogmen und Kirchen – in mein Leben und ich experi­men­tiere bzw. suche einen für mich passenden spiri­tuel­len Pfad.

Vielleicht kultiviere ich Meditation oder Yoga oder beziehe mich auf alte (vor-reli­giöse) spirituelle Traditionen z.B. Schamanismus.

Holistisch (petrol) – „alle Holons“

Auf der holistischen Stufe erweitert sich unser „Wir“-Be­griff erneut und bedeutet nun „alle Holons“. Wir erkennen die Evo­lu­tion und Natur der Wirklichkeit als aus natürlichen Hierarchien von Holons bestehend – so genannten Holarchien. Das Leben ist ein Kaleidoskop natürlicher Holarchien, Systeme, Formen, Komplexitäten, indem wir als ein Holon funktional wirken.

Es entsteht die erweiterte Perspektive der vierten Person (4.5) – du bist ich und ich bin du. Dies ist die Fähigkeit, die fraktale und soziale Konstruktion der Realität zu sehen.

Durch die aufkommende meta-systemische „Big Picture“ Weltsicht werden wir uns – jenseits von Sinn – unserer Bedeutung für die Welt der Holar­chien bewusst. Wir können entsprechende Prioritäten setzen und Zusammenhänge schaffen.

Wir erkennen verborgene Muster und Zusammen­hän­ge zunehmend besser und es fällt uns immer schwerer diese Er­kenntnisse auszublenden oder zu ignorieren. Uns ist wichtig, diese Holarchien zum Wohle der Menschheit, des Planeten und aller Lebewesen „in Ordnung“ zu bringen bzw. von ihren patho­lo­gi­schen Ausprägungen zu befreien.

Nachdem in 3.5 der Kopf/Verstand und in 4.0 das Herz/der Bauch dominierten erfolgt in dieser Stufe eine zentaurische Integration von Körper und Geist. Kopf/Verstand und Herz/Bauch finden ein neues, sehr kreativ-frucht­bares Gleichgewicht in jenem Holon, welches wir sind. Entsprechend wird unser Verhal­ten zugleich mitfühlend, funktional und flexibel über alle Stufen hinweg.

Wir sind uns unserer (manifesten, subtilen und kausalen) Körper gewahr und gleichzeitig des Geistes, der durch uns in die Welt schaut und sich dabei selbst sieht und erlebt. Dadurch lernen wir immer besser, in der Welt bestehende Paradoxien anzunehmen und diese auszuhalten.

Noch bestehende Ängste verschwinden und es stellt sich Akzeptanz und innerer Friede mit dem ein, was ist.

Integral (türkis) – konstrukt-bewusst

Auf der integralen Stufe sehe ich mich verwoben mit dem gesamten Universum, einem verbundenen, nahtlosen, vitalen, leben­di­gen, kreativen und bewussten Kósmos.

Es entsteht die Perspektive der fünften Person (5.0) – ich sehe mich und alles um mich herum als Konstrukt der historischen Zeit und eines kosmisch-planetarischen Raums.

Ich erkenne die Konstruktionen des Verstandes von Definitionen und Grenzen und bin mir des Bewusstsein bewusst. Ich beginne mein subtile Selbst als „ich“ zu sehen und mich von ihm zu dis-identifizieren.

Und ich erkenne, dass der fun­da­mentale, immanente, evolutionäre Antrieb des Kósmos, der im­mer höhe­re und höhere Ganzheiten entwickelt, die gleiche Kraft ist, die aus Ster­nenstaub Säuge­tie­re und aus der archaischen Struktur­stu­fe die integrale Strukturstufe und darüber hinaus hervor­ge­bracht hat.

Mein subtiles Selbst wird zunehmend durch das meta-be­wuss­te Selbst ersetzt, welches die Kon­strukte und Projektionen der Wirklichkeit un­mit­telbar und per­manent erkennt. Jeder Moment erscheint neu, frisch, spontan und lebendig in meinem Be­wusst­seinsfeld.

Ich beginne die ursprüngliche Einheit von Wissen und Gefühl, Bewusstsein und Sein zu integrieren oder besser gesagt wie­der zu erkennen.

Das meta-be­wusste Selbst spaltet sie nicht vonei­nander ab, sondern sieht und fühlt sie als komplementäre Aspekte derselben fließenden Gesamtheit der Realität, die nicht durch abstrak­te Reflexion oder Re­prä­sen­tation, son­dern durch verkörperte gegen­seitige Resonanz in allen vier Quadranten wirkt.

Ich erkenne oft intuitiv, wo der Bewusstseins-Schwerpunkt einer bestimmten Person liegt, und verstehe so indirekt, welche Ansicht oder Weltanschauung diese Person zum Ausdruck bringt (magisch, mythisch, rational, pluralistisch usw.). Ich toleriere diese Ansichten aktiv und mache ihnen in meiner eigenen ganzheitlichen Reichweite Platz. Ich stimme vielleicht nicht uneingeschränkt mit ihnen überein, aber ich verstehe intuitiv die Bedeutung und Wichtigkeit aller Sichten in der sich entfaltenden Welle der evolutionären Entwicklung.

Super-integral (indigo bis weiß)

Die Entwicklung der Strukturstufen geht über die integrale Stufe hinaus und schreitet weiter voran.

Ken Wilber fasst die weiteren, über die integrale Stufe hinausgehenden Strukturstufen als super-integral („über integral“) zusammen. Hierbei zeichnen sich bereits Konturen mehrerer Strukturstufen ab:

  • 5.5 – luzider Geist oder Para-Mind (indigo)
  • 6.0 – intuitiver Geist oder Meta-Mind (violett)
  • 6.5 – Über-Geist oder Overmind (ultraviolett)
  • 7.0 – Super-Geist oder Supermind (weiß)

Wir werden auf diese Strukturstufen hier nicht weiter eingehen, da diese gerade im Entstehen sind und es noch zu wenige Individuen gibt, um hierzu verlässliche Aussagen zu treffen.

Drei grundlegende Eigenschaften dieser super-integralen Strukturstufen sind u.a. eine transpersonale Komponente, d.h. ich erkenne und erfahre intuitiv eine Version meines höheren Selbst, ein direkter Sinn für Ganzheiten, d.h. Ganzheit wird direkt erlebt, sowie ein auf jeder Ebene inhärent vorhandenes Gewahrsein für Gewahrsein, also ein nahezu konstantes Bewusstsein der Tatsache, dass man sich dessen bewusst ist.

Prime Directive – Es geht um das Ganze!

Nach der Devise „höher = besser“ könnte nun der verständliche Wunsch entstehen, als Individuum oder soziales System möglichst schnell die höheren Strukturstufen des Bewusstseins zu erreichen und diese entsprechend fokussiert anzustreben.

Es geht hier jedoch um viel mehr, nämlich eine über alle Strukturstufen gleichermaßen gesunde Entwicklung über die gesamte Lebenspanne eines Individuums oder sozialen Systems hinweg.

»Keine Bevorzugung einer Strukturstufe gegenüber anderen Strukturstufen. Stattdessen geht es ihm um ein „in Ordnung bringen“ jeder Strukturstufe bzw. ihre „Heilung“ von pathologischen Ausprägungen.«

– Prime Directive

Dies ist vergleichbar mit dem Bau eines Hauses:

Das Fundament muss stabil und belastbar sein, bevor die Wände hochgezogen werden (können). Und die Wände müssen ebenfalls stabil stehen und belastbar sein, bevor der Dachstuhl errichtet werden kann.

Eine schwach oder fehlerhaft ausgeführte Bauarbeit hat ungünstige Folgen für die nachfolgenden Strukturen des Baus und destabilisiert letztlich das Gebäude insgesamt.

Entwicklungs-Schwerpunkt

Zudem sollten wir nicht den Horizont der am weitesten entwickelten Entwicklungslinien, typischerweise der kognitive Entwicklungslinie, mit dem Entwicklungs-Schwerpunkt (structure center of gravity) der Strukturstufen verwechseln oder gar gleichsetzen.

Als notwendige Voraussetzung für zahlreiche Entwicklungen ist die kognitive Entwicklungslinie oftmals ein bis zwei Strukturstufen höher/weiter entwickelt als das statistische Mittel aller anderen Entwicklungslinien.
Anders gesagt hinkt der eigene Entwicklungs-Schwerpunkt den führenden Entwicklungslinien hinterher. Daher neigen wir bei der Betrachtung führender Entwicklungslinien oftmals dazu, den Entwicklungs-Schwerpunkt von uns oder anderen Mitmenschen zu überschätzen.

Anderen in ihrer Welt begegnen

Was also kannst du mit dem Wissen um Strukturstufen tun?

  • Verbessere deine Verständigung mit deinen Mitmenschen – zwischenmenschliche Kommunikation ist schwierig und oft von Missverständnissen begleitet. Strukturstufen helfen dir dabei einzuschätzen, in welcher Welt dein Gegenüber zuhause ist und was er/sie entsprechend bevorzugt oder ablehnt. Verbessere deine Beziehungen, indem du Menschen in ihrer individuellen Weltsicht ansprichst und abholst und deine Gedanken so kommunizierst, dass diese von deinem Gegenüber verstanden werden können.
  • Entwickle mehr Verständnis für andere – gelingende Kommunikation (Verständigung) bildet die Basis für gegenseitiges Verständnis zwischen Menschen. Verständnis geht über Verstehen hinaus und bedeutet, dass wir uns in unser Gegenüber hineinversetzen können und ihre Sicht einnehmen können. Wir also emotional nachvollziehen können, weshalb unser Gegenüber in einer bestimmten Situation auf eine bestimmte Weise reagiert und handelt. Das bedeutet nicht, dass du alles gutheißen brauchst, was andere sagen oder denken – nur dass du in der Lage bist, ihre Perspektive einzunehmen.
  • Erkenne den Entwicklungs-Schwerpunkt – mache dir bei jeder Gelegenheit bewusst, aus welcher Perspektive Individuen oder auch Kollektive (Teams, Abteilungen, Unternehmen, Gemeinschaften etc.) denken, fühlen und handeln. Ihr Entwicklungs-Schwerpunkt bestimmt ihre jeweilige Sicht und den damit verbundenen Handlungsspielraum und gibt dir Aufschluss darüber, was in diesen Kontexten möglich – und was eher unwahrscheinlich ist.
  • Arbeite an deinen blinden Flecken und Schattenthemen – erkenne deine eigenen Defizite und Schattenthemen und arbeite an ihnen. Damit stabilisierst du deine eigene Lebenssituation und auch deine künftige Entwicklung.

Falls du Fragen zu den Strukturstufen hast oder eine persönliche Themenstellung besprechen möchtest, stehen wir dir gerne zur Verfügung.

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